Rezension Benefizkonzert „Bach für den Frieden“

 

Die Musikfreunde hatten zu einem Benefizkonzert für die Ukraine in die Eingangshalle der HUK-COBURG eingeladen. Eigentlich sollte am 10. Juni Prof. Benjamin Moser die Goldberg Variationen von Johann Sebastian Bach spielen. Doch es kam anders und der in München lebende australische Pianist Michael Leslie konnte kurzfristig für diese Aufgabe gewonnen werden: 10 Tage Vorbereitung für eines der anspruchsvollsten Werke der Klavierliteratur. Dem Publikum wusste der Künstler zu berichten, dass er zum Leidwesen seiner Frau täglich 10 bis 12 Stunden übt. Das hat sich offensichtlich gelohnt, denn trotz der kurzen Vorbereitungszeit präsentierte er ein Klavierspiel, über das man nur staunen kann. „Den Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertigt“ tauchte er gleich mit der eröffnenden Aria in einen Kosmos von geordneter Klarheit ein. Es folgten „verschiedene Veränderungen“, genauer gesagt 30 an der Zahl. Michael Leslie spielte zu jedem Zeitpunkt sehr strukturiert und durchdacht, was der mathematisch orientierten Musik von Bach sehr zu Gute kommt. Da ist jedes Detail ausgefeilt. Nichts wird dem Zufall überlassen.  Nicht die kleinste Kleinigkeit geht verloren. Die Motive wandern in den 9 kanonischen Variationen hervorragend ausgeformt vom Bass bis zum Diskant durch alle Stimmen. Leslie erzeugt dabei eine unglaubliche Transparenz, er fächert den Notentext in einer Weise auf, die nur noch Bewunderung auslösen kann. Da erklingen in den Mittelstimmen Sequenzen, die mancher Hörer vorher noch nie wahrgenommen hatte. Trotzdem bleibt  die Gesamtarchitektur der Strukturen und der Rhythmik erkennbar. Dazu kommt ein wahres Füllhorn von Anschlagsnuancen. Das alles ist umso bewundernswerter, da Bach das Werk ja für ein zweimanualiges Cembalo geschrieben hat und der Interpret mit dem modernen einmanualigen Steinway bei etlichen Variationen erhebliche Platzprobleme für die Finger bekommt. Leslie beseitigt diese Probleme durch die geradezu fanatische Art der Vorbereitung. Jede knifflige Stelle, die Wachsamkeit erfordert, hat er im Notentext durch einen roten Totenkopf gekennzeichnet. In seiner Partitur der Goldbergvariationen sind es 600 solcher Totenköpfe. Doch das hochvirtuose Treiben findet auch seinen Kontrast in den ruhigen, innigen Variationen, mit denen Leslie sein Auditorium in eine Art Traumwelt entführt. Bemerkenswert ist auch der völlig disziplinierte, eher sparsame Pedalgebrauch des Künstlers, der keinerlei Unklarheiten zulässt. Kein Ton geht verloren. Als nach der letzten Steigerung, dem hemdsärmelig- derben Quodlibet über 2 Gassenhauer zum Abschluss die Wiederholung der Aria erklingt, schwebt die Musik nur noch. Atemlos vernimmt man „Bach für den Frieden“. Nach Verklingen des letzten leisen Tones lange spannungsreiche Stille, bevor tosender, langanhaltender Applaus losbricht. Beglückte Gesichter. Eine Zugabe kann es nach so einem Stück nicht geben. Alles ist gesagt. Das dankbare Publikum spendet am Ausgang gerne für die humanitäre Ukrainehilfe. Das Ziel des Abends ist erreicht.  

gez. Joachim Rückert